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Schneeballsystem: Steuern auch auf Scheingewinne fällig

Bei sogenannten Schneeballsystemen verlieren viele Teilnehmer ihr Geld, obwohl sie auf dem Papier vielleicht Gewinne machen. Darauf verlangt der Staat dann auch noch Steuern.

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Schneeballsystem: Steuern auch auf Scheingewinne fällig

Matthias hatte zwar Bedenken, doch das Angebot war zu verlockend. Mit nur 600 Euro könnte er sich in eine "sehr lukrative Investition" einkaufen. Überhaupt hatte der Mann im Anzug den ganzen Abend von dieser "sehr lukrativen" Investition gesprochen. Der Mann sagte, Rendite über 40 Prozent wären "bestimmt drin".

Und 600 Euro – so dachte Matthias – das wäre ein Versuch wert. Also überwies er das Geld und bekam auch eine Bestätigung per Brief. Für einen Geheimtipp erschien Matthias die ganze Sache sogar sehr professionell. Bereits nach wenigen Wochen kamen die ersten Erfolgsmeldungen: In einer E-Mail bot man Matthias an, die ersten Zinsen zu überweisen.

Einkommensteuer auf fiktive Zinsen

In der E-Mail stand: "Lassen Sie sich die 55 Euro einfach auf Ihr Konto überweisen. Oder noch besser: Setzen Sie das Geld zusätzlich zu Ihrer Investition ein und maximieren Sie so Ihren Gewinn."

Matthias fand, das sei doch eine gute Idee. Wenn die Sache so lohnenswert sei, könnte es nicht schaden, noch etwas aufzustocken.

Der Schock kam kurze Zeit darauf: In der Zeitung stand, dass ein Betrüger eine Vielzahl Anleger um insgesamt mehrere Hunderttausend Euro erleichtert habe. Mit übertriebenen Renditeversprechen habe er Geld eingesammelt und vereinzelt auch Zinsen ausgezahlt.

Doch seit Tagen fehle jede Spur von ihm. Die Polizei gehe davon aus, dass der Betrüger über alle Berge verschwunden sei. Auf dem Bild in der Zeitung erkannte Matthias den Mann mit der "sehr lukrativen" Investition.

Monate später hatte Matthias die verlorenen 600 Euro längst verdrängt. Nur in seiner Steuererklärung hatte er sie noch als Verluste auf Kapitalanlagen geltend gemacht.

Doch mit dem Steuerbescheid kam die Überraschung: Jetzt sollte er auch noch Einkommensteuer auf die Zinsen zahlen, die nie auf seinem Konto gelandet waren.

Der konkrete Fall

Was sich vielleicht wie ein Witz unter Steuerfachleuten liest, ist tatsächlich gängige Rechtsprechung des höchsten Finanzgerichts Deutschlands. Der Bundesfinanzhof (BFH) veröffentlichte erst im April 2014 ein Urteil (Aktenzeichen VIII R 25/12), in dem genau solch ein Fall behandelt wird.

Ein Steuerzahler hatte sich mit einer Klage durch die Instanzen gekämpft. Sinngemäß forderte er, dass er keine Steuern zu zahlen habe auf Zinsen aus einem Schneeballsystem, die ihm niemals zugeflossen waren. Doch der BFH entschied gegen ihn. Der Mann musste die Scheinrendite versteuern. Das Gericht begründete sein Urteil wie folgt:

  • Schon die Gutschrift – also nicht erst die Auszahlung – von Gewinnen in Schneeballsystemen sind Einnahmen aus Kapitalvermögen. 
  • Bedingung ist nur, dass der Betreiber anbietet, die Zinsen auszuzahlen.
  • Wenn der Anleger diesem Angebot nicht nachkommt und stattdessen die Zinsen lieber weiter einsetzt, ändert das nichts daran, dass er die Zinsen hätte bekommen können.

Der Anleger kann sich nur darauf berufen, dass er gar keine Einnahmen aus Kapitalanlagen hatte, wenn der Betreiber die Auszahlung verweigert oder verschleppt.

Ähnliche BFH-Urteile ergingen auch schon in den Jahren 2008 und 2010. Auch wenn die Schneeballsysteme am Ende zusammenbrechen und Anleger ihren Einsatz verlieren – sie müssen Einkommensteuer auf diese Scheingewinne zahlen.

Pauschal 25 Prozent Abgeltungssteuer

Wie bei Sparbuchzinsen, Gewinnen aus Fonds, Aktien oder Investitionen in Unternehmen wertet der Fiskus Scheingewinne aus Schneeballsystemen als Kapitalerträge. Pauschal 25 Prozent Abgeltungssteuer sind dafür fällig. 

Ausnahmen gibt es nur für Menschen, die sehr wenig verdienen und einen persönlichen Steuersatz unter 25 Prozent haben. Ausführliche Informationen dazu finden Sie in unserem Steuer-ABC. Individuelle Fragen beantwortet Ihnen einer unserer Berater.

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