Beratersuche starten
Berater suchen
Servicetelefon
06321 96 39 96 9

Kalte Progression einfach erklärt - mit Beispiel

Immer wieder fällt in der politischen Diskussion der Begriff „kalte Progression“. Doch was bedeutet das? Wir erklären die kalte Progression anschaulich an einem Beispiel.

Mit anderen teilen
Kalte Progression einfach erklärt - mit Beispiel

Das Bundesfinanzministerium erklärt die kalte Progression so: „Von kalter Progression spricht man, wenn Einkommens- und Lohnerhöhungen lediglich die Inflation ausgleichen und es trotz somit unveränderter Leistungsfähigkeit zu einem Anstieg der Durchschnittssteuerbelastung kommt.“ Sie verstehen nur Bahnhof? Kein Problem. Wir erklären es Ihnen.

Stark vereinfacht meint der Ausdruck kalte Progression: Obwohl man eine Gehaltserhöhung bekommen hat, kann man sich weniger leisten als davor. Schuld an diesem Phänomen sind zwei Faktoren.

  1. Die Steuerprogression: Je mehr Gehalt man in Deutschland verdient, desto höher klettert der Steuersatz.

  2. Die Inflation: Die Preise für Waren und Dienstleistungen steigen kontinuierlich. Das bedeutet letztlich, dass die Kaufkraft des Geldes parallel dazu geringer wird.

Die Steuerbelastung wächst prozentual stärker als das Bruttoeinkommen

Ein Beispiel macht das Prinzip kalte Progression greifbarer. Ina ist Single in Steuerklasse I und verdient 3.500 Euro brutto pro Monat. Ihr Chef ist zufrieden mit ihrer Arbeit und gibt ihr eine Gehaltserhöhung von drei Prozent. Das sind immerhin 105 Euro, die Ina monatlich brutto mehr bekommt. Allerdings bleiben netto von den 105 Euro nur 74,40 Euro übrig. Denn während Inas Bruttogehalt um drei Prozent steigt, klettert ihr Nettogehalt nur um 2,3 Prozent.

Das liegt daran, dass Ina mit 3.605 Euro Einkommen einen höheren Steuersatz bezahlen muss, als mit 3.500 Euro. Die Steuerbelastung wächst prozentual stärker als das Bruttoeinkommen. In Zahlen: Der durchschnittliche Steuersatz von Ina steigt durch die Gehaltserhöhung von 25,6 Prozent auf 26,1 Prozent.

Wir halten also fest: In der Regel steigt bei einer Gehaltserhöhung aufgrund der Steuerprogression das Nettogehalt geringer an als das Bruttogehalt. Kommen wir zum zweiten Faktor, die Inflation.

Waren und Dienstleistungen werden in der Regel immer teurer

Ob der Einkauf im Supermarkt oder das Tanken an der Tankstelle, Waren werden in der Regel Jahr für Jahr teurer. Das liegt an der Inflation. Gemessen wird der Preisanstieg mit der Inflationsrate. Und die liegt im März 2018 bei 1,6 Prozent. Zieht Ina von ihren 2,3 Prozent Nettogehaltserhöhung noch die Inflationsrate ab, bleiben also real nur noch 0,7 Prozent Gehaltserhöhung übrig.

Gleicht der Chef nur die Inflationsrate aus, entsteht kalte Progression

Ein Gedankenspiel: Nehmen wir an, Inas Chef hätte ihr Gehalt nicht um drei Prozent erhöht, sondern nur die Inflationsrate ausgeglichen. Ihr Gehalt ist also um 1,6 Prozent beziehungsweise 56 Euro gestiegen. Sie bekommt statt 3.500 Euro ab sofort 3.556 Euro.

Ginge es Ina mehreren Jahren in Folge so, würde sie einen realen Einkommensverlust erleiden. Wie das? Nun, Ina’s Nettoeinkommen steigt durch die Steuerprogression ja langsamer an als das Bruttogehalt. Das bedeutet aber auch, dass ihr Nettoeinkommen langsamer ansteigt als die Inflation. Ina kann sich also trotz Gehaltserhöhung tatsächlich weniger leisten, ihre Kaufkraft sinkt - das ist die kalte Progression.

Übrigens:

Die kalte Progression wird manchmal auch als schleichende Steuererhöhung oder heimliche Steuererhöhung bezeichnet.

Kalte Progression trifft vor allem Gering- und Mittelverdiener

Vor allem Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen leider unter der kalten Progression. Das liegt an unserem Einkommensteuersystem: Einkommen von bis zu 9.000 Euro - das ist der aktuelle Grundfreibetrag 2018 (Verlinkung) - sind steuerfrei. Aber schon der 9.001ste Euro wird mit 14 Prozent besteuert. Die Progressionskurve verläuft nach dem Grundfreibetrag zunächst recht steil, bevor sie dann abflacht.

Von diesem Abflachen profitieren vor allem Spitzenverdiener: Ab einem Jahreseinkommen von 54.950 Euro bleibt der Steuersatz konstant bei 42 Prozent. Deshalb wirkt sich die kalte Progression bei gut Verdienenden auch deutlich weniger aus.

Kalte Progression abschaffen

Kein Wunder also, dass die kalte Progression gerade auch in Wahlkampfzeiten immer wieder heftig diskutiert wird. Der Ruf nach mehr Steuergerechtigkeit grüßt regelmäßig wie ein Murmeltier.

Eine Möglichkeit, die kalte Progression abzumildern, ist recht einfach. Die Politik müsste den Steuertarif jährlich an die Inflationsrate anpassen. Das machen andere Staaten auch so, zum Beispiel die USA, Frankreich oder die Schweiz. Der Bund der Steuerzahler geht sogar noch einen Schritt weiter und fordert, den Einkommensteuertarif „auf Räder“ zu stellen - also automatisch sowohl an Preis-, als auch Lohnsteigerungen anzupassen.

Gegner einer Steuerreform führen an, dass solche Anpassungen dem einzelnen Bürger nur wenig bringen, den Staat dagegen viel kosten. Für einige Politiker ist auch die momentan verhältnismäßig geringe Inflationsrate Grund genug, das Thema „Abschaffung der kalten Progression“ nicht angehen zu wollen. Wir dürfen also gespannt sein, wie es weitergeht.

 

Mit anderen teilen
Mit der Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr Informationen Schließen